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Was ich täglich sehe, wenn Menschen aus narzisstischem Missbrauch aufwachen



Ich arbeite seit vielen Jahren im Coaching. Früher vor allem im Life- und Business-Kontext. Das war klar, lösungsorientiert, zielgerichtet. Und dann kam ein Punkt, an dem sich etwas verschoben hat. Nicht theoretisch. Persönlich. Im Jahr 2023 habe ich nach und nach erkannt, dass ich in einer Beziehungsdynamik war, die ich bis dahin überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.


Seit 2025 arbeite ich nun ausschließlich mit Menschen, die narzisstischen Missbrauch erlebt haben. Und ich tue dies inzwischen in Vollzeit. Nicht, weil das geplant war. Sondern weil der Bedarf da ist. Und zwar in einer Intensität, die ich nicht für möglich gehalten hätte.


Warum narzisstischer Missbrauch so lange unbemerkt bleibt


Die Menschen, die zu mir kommen, sind sehr unterschiedlich. Manche stehen ganz am Anfang. Sie merken, dass etwas nicht stimmt, können es aber noch nicht greifen. Sie sind erschöpft, verwirrt, oft voller Selbstzweifel.


Andere sind schon weiter. Sie haben erkannt, was passiert ist, und beginnen, ihre eigenen Muster zu verstehen.


Was viele gemeinsam haben: Es geht selten nur um eine einzelne Beziehung. Narzisstischer Missbrauch zeigt sich oft nicht isoliert, sondern als wiederkehrendes Muster. Partner, Eltern, Kollegen, Freunde, manchmal sogar die eigenen Kinder. Und häufig kommt die Erkenntnis nicht leise, sondern als Bruch. Als Moment, in dem sich etwas nicht mehr relativieren lässt.


Warum sich so viele melden – und dann wieder verschwinden


Was ich ebenfalls immer wieder sehe: Menschen melden sich, schreiben mir, bitten um ein Kennenlerngespräch. Und dann höre ich nichts mehr.


Das hat viele Gründe. Manche ganz praktische. Mails landen vielleicht im Spam. Der Alltag kommt dazwischen. Oder Dinge verschieben sich einfach.


Aber es gibt auch eine andere Ebene.


Sich Hilfe zu holen bedeutet, etwas anzuerkennen, das oft lange verdrängt wurde. Es bedeutet, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen, obwohl man vielleicht genau das jahrelang verlernt hat. Es bedeutet auch, sich einzugestehen, dass man Unterstützung braucht.


Und das ist für viele kein leichter Schritt. Auch ich war an diesem Punkt.


Hinzu kommt etwas, das selten ausgesprochen wird: die Angst vor dem, was danach kommt. Wenn ich es wirklich ausspreche, wenn ich es wirklich anschaue – was bedeutet das für mein Leben? Für meine Beziehungen? Für mein Selbstbild?


Nicht jeder ist in diesem Moment bereit, und dafür habe ich großes Verständnis.


Warum Männer und Frauen oft unterschiedlich reagieren


Interessanterweise sind die meisten Menschen, die ich begleite, Frauen. Weit über 90 Prozent.


Männer melden sich auch. Aber viele von ihnen ziehen sich nach dem ersten Schritt wieder zurück. Ich werte das nicht. Ich finde es eher nachvollziehbar. Sich zu öffnen ist für viele Männer ohnehin mit Hürden verbunden. Und dann in einem so sensiblen Bereich, gegenüber einer Frau, wird es noch komplexer.


Auch in den Gesprächen spüre ich Unterschiede. Frauen sind häufig schneller in der emotionalen Sprache, Männer bringen oft eine andere Form von Energie mit. Direkter, kontrollierter, manchmal schwerer zugänglich.


Beides ist in Ordnung. Aber es zeigt, wie unterschiedlich Zugänge zu psychischem Missbrauch und seinen Folgen sein können.


Was Menschen nach narzisstischem Missbrauch wirklich brauchen


Was sich sehr bewährt hat, ist mein Sozialtarif. Denn viele Menschen haben durch solche Dynamiken nicht nur emotional, sondern auch finanziell einen hohen Preis gezahlt. Manche haben ihre Stabilität verloren, ihre Sicherheit, manchmal auch ihre wirtschaftliche Grundlage.


Es war mir wichtig, hier eine Lösung zu schaffen, die mehr Menschen Zugang ermöglicht. Dass ich darüber hinaus durch Spenden auch Menschen begleiten kann, die sich Unterstützung sonst gar nicht leisten könnten, gehört zu den Dingen, für die ich sehr dankbar bin.


Auch die Form der Gespräche hat sich verändert. Ich arbeite überwiegend über Zoom. Für viele ist das einfacher, niedrigschwelliger, anonymer. Die Kamera kann aus bleiben. Man kann vom Handy teilnehmen. Es muss nichts installiert werden. Und auf Wunsch gibt es im Anschluss eine schriftliche Zusammenfassung, die vielen hilft, das Besprochene zu verankern.


Heilung nach narzisstischem Missbrauch beginnt anders, als viele denken


Wenn ich heute zurückblicke, fällt mir etwas auf, das ich so nicht erwartet hätte.


Ich war lange überzeugt, dass das Schreiben meine größte Leidenschaft ist. Und es ist nach wie vor ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Aber das, was in den Gesprächen passiert, hat eine andere Qualität.


Zu sehen, wie Menschen beginnen, sich selbst wieder zu glauben. Wie sie Muster erkennen, die sie jahrelang gebunden haben. Wie langsam wieder so etwas wie innere Stabilität entsteht.


Das ist nichts, was man „macht“. Es ist etwas, das entsteht.


Und ich denke, das ist genau das der Punkt, den ich hier sichtbar machen wollte:


Heilung nach narzisstischem Missbrauch beginnt selten spektakulär. Meist beginnt sie leise. Mit einer Nachricht. Mit einem Gedanken. Mit einem ersten vorsichtigen Schritt. Manchmal auch damit, dass man ihn noch nicht geht.


Und wenn irgendwann der Moment kommt, in dem du spürst: Jetzt bin ich soweit – dann weißt du, wo du mich findest.

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